
Eingewöhnung in der Kita: Welches Modell passt?
Berliner, Münchener oder Tübinger Modell? Der Überblick zeigt, wie Eingewöhnung in Krippe und Kita gelingt und welche Rahmenbedingungen Teams brauchen.
Stand: September 2026. Kita-Recht und Förderprogramme ändern sich; maßgeblich sind die verlinkten Originalquellen.
Der erste Übergang ist mehr als ein Formalie-Termin
Wer ein Kind eingewöhnt, entscheidet mit über dessen erste Kita-Monate. Der nifbe-Fachbeitrag zum Berliner Eingewöhnungsmodell verweist auf eine Studie der Freien Universität Berlin aus den 1980er Jahren: Kinder, die ohne Einführung durch die Eltern in die Kita kamen, waren in den ersten sieben Kita-Monaten viermal länger krank, zeigten irritiertes Bindungsverhalten und einen geringeren Entwicklungsstand (vgl. Laewen 2006). Aus dieser Beobachtung entstand das Berliner Eingewöhnungsmodell des infans-Instituts. Die Eingewöhnung ist damit kein Vorgang der ersten Woche, sondern die Basis für Beziehung, Wohlbefinden und Bildungsprozesse im gesamten Kitajahr.
Drei Modelle, drei Logiken
Berliner Eingewöhnungsmodell (infans). Es stützt sich auf die Bindungstheorie und läuft in festen Stufen: frühzeitige Information der Eltern, dreitägige Grundphase, in der ein Elternteil ein bis zwei Stunden anwesend ist und als „sicherer Hafen“ agiert, erster Trennungsversuch am vierten Tag, Stabilisierungsphase, Schlussphase. Lässt sich das Kind schnell von der Fachkraft beruhigen oder reagiert es gleichmütig, kann die erste Trennung bis zu 30 Minuten dauern; wirkt es verstört oder lässt es sich nicht trösten, endet sie nach zwei bis drei Minuten. Die Eingewöhnung gilt als abgeschlossen, wenn das Kind die Fachkraft als sichere Basis akzeptiert und sich von ihr trösten lässt (nifbe, Kita-Fachtext von Braukhane und Knobeloch).
Münchener Eingewöhnungsmodell. Es geht auf Kuno Beller und das Münchner Qualifizierungsprojekt für Kinderkrippen (1987 bis 1991) zurück und wurde 2009 von Anna Winner und Elisabeth Erndt-Doll publiziert; 2021 folgte mit „Münchener Modell Reloaded“ eine Weiterentwicklung (Evanschitzky/Zöller). Der Ansatz ist systemisch-konstruktivistisch: Kind, Familie und die aufnehmende Kindergruppe gestalten den Übergang aktiv mit, die Familienkultur wird ausdrücklich einbezogen. Das socialnet-Lexikon gliedert das Handlungskonzept in die Phasen Kennenlernen, Sicherheit und Vertrauen; das Fachportal erzieherin.de beschreibt eine Schnupperwoche mit ganzen Vormittagen, einen ersten Trennungsversuch frühestens am sechsten Tag, begleitende Elterngespräche und die Annahme, dass Kinder zu mehreren Personen eine tragfähige Beziehung aufbauen können.
Eingewöhnung in der Peer (Tübinger Modell). Hier werden mehrere neue Kinder gemeinsam aufgenommen, begleitet von mindestens zwei Eingewöhnungsfachkräften. Der Kita-Fachtext von Heike Fink betont, dass Peers für den Übergang eine eigene Ressource sind und dass die Kinder selbst entscheiden können, zu wem sie Beziehung aufbauen. Zugleich bleibt der individuelle Blick auf jedes Kind entscheidend: Die Bedürfnisse des einzelnen Kindes haben Vorrang vor dem Gruppentempo. Kita-Fachtexte erscheinen in Kooperation von Fröbel e. V., Alice Salomon Hochschule Berlin und nifbe und werden im Peer-Review begutachtet.
Wie lange dauert eine Eingewöhnung – und wer entscheidet?
Die Dauer lässt sich nicht verordnen. Nach dem Berliner Modell sollten Eltern zwei bis vier Wochen einplanen, während die tatsächliche Eingewöhnungszeit laut nifbe zwischen drei und 16 Tagen schwankt. Entscheidend ist die Reaktion am vierten Tag: Sicher gebundene Kinder brauchen nach Angaben des nifbe rund zwei bis drei Wochen, unsicher gebundene etwa eine Woche (erzieherin.de: ungefähr eine Woche). Praktische Regel im Modell: Mit einem neuen Schritt wird nie an einem Montag begonnen, und ein weiterer Trennungsversuch wartet, wenn die Trennung noch nicht gelingt.
Was die Stressforschung zeigt
Ahnert et al. untersuchten in einer Studie mit 104 Kindern zwischen 10 und 35 Monaten über vier Monate hinweg Speichelproben und Stressprofile beim Übergang von der Familie in die Betreuung (Applied Developmental Science, 2022). Zwei Ergebnisse sind für die Praxis relevant: Kinder mit Erfahrungen aus Geschwister- und Gleichaltrigenkontakten bewältigten den Übergang leichter, und unauffällige Stressprofile traten vor allem dann auf, wenn die Beziehung zur Mutter und zur betreuenden Fachkraft sicher war. Die Wiener Krippenstudie, referiert bei erzieherin.de, ergänzt einen blinden Fleck: Kinder, die ihre Gefühle nicht nach außen tragen, wurden seltener getröstet und litten „still“ – Rückzug und zielloses Umherwandern können fälschlich als „gut eingewöhnt“ gelesen werden.
Recht: meist Konzeptionssache, in Brandenburg ausdrücklich geregelt
Das Landesrecht behandelt die Eingewöhnung unterschiedlich ausführlich. Für Brandenburg stellt das Bildungsministerium klar, dass Hospitationen sowie die Anwesenheit der Personensorgeberechtigten beziehungsweise der Bindungsperson in der Eingewöhnungsphase nach § 6 Satz 2 des Kindertagesstättengesetzes (KitaG) zu gewährleisten sind; für die Kindertagespflege verweist das Ministerium zusätzlich auf § 32 Absatz 1 Nummer 2, § 38 Absatz 3 sowie § 39 KitaG. Der Bildungsplan „Erweiterte Grundsätze elementarer Bildung“ gibt laut Fachportal Hinweise zur Gestaltung des Übergangs. Die Betreuung, so das Ministerium an die Eltern gerichtet, kann nicht erst an dem Tag beginnen, an dem die Arbeit aufgenommen wird. Für andere Bundesländer lohnt der Doppelcheck: Landesrecht, Bildungsplan und die Konzeption der eigenen Einrichtung.
Der unterschätzte Faktor: Zeit und Personal
Eingewöhnung ist ein Personalthema. Die Bertelsmann Stiftung empfiehlt im Ländermonitor einen Personalschlüssel von 1:3 in reinen Krippengruppen und 1:7,5 in Kindergartengruppen; sie unterscheidet dabei den Personalschlüssel (vertragliche Gesamtarbeitszeit inklusive mittelbarer Arbeit, Urlaub und Fortbildung) von der Fachkraft-Kind-Relation, die nur die direkte pädagogische Zeit in der Gruppe abbildet. Für die Eingewöhnung ist genau diese direkte Zeit knapp: erzieherin.de betont, dass ein guter Personalschlüssel und qualifizierte Fachkräfte, die nach einem anerkannten Eingewöhnungsmodell arbeiten, den Kindern das Ankommen erleichtern. Wer in den ersten Wochen dauerhaft in der Gruppe fehlt, weil eine Kollegin begleitet, plant das im Dienstplan – nicht im Überhang.
Woran Teams eine gelungene Eingewöhnung erkennen
Vier Prüfpunkte für die Teamsitzung: Erstens gibt es ein benanntes Modell, und Abweichungen werden dokumentiert statt improvisiert. Zweitens sind die Eingewöhnungszeiten im Dienstplan verankert. Drittens übernimmt die Fachkraft Pflegeroutinen wie Wickeln und Essen erst, wenn das Kind sich von ihr trösten lässt. Viertens werden auch die leisen Kinder beobachtet, nicht nur die lauten.
Praxistransfer & Handlungsimpulse
Für Sprachförderkräfte
- Notieren Sie ab dem ersten Tag eine kurze Sprachbeobachtung: Reagiert das Kind auf Sprache, welche Wörter nutzt es, was versteht es? Das gehört ins Eingewöhnungsprotokoll, nicht in eine Bewertung.
- Arbeiten Sie mit gleichbleibenden sprachlichen Ritualen (Begrüßung, Übergänge, Mahlzeiten), damit das Kind wiederkehrende Lautmuster erkennt.
- Nutzen Sie Alltagshandlungen als Sprachanlässe und spiegeln Sie die Signale des Kindes sprachlich – „Du möchtest die Kiste“ statt „Sag bitte“.
Für pädagogische Fachkräfte im Gruppenalltag
- Halten Sie die Trost-Regel des Modells ein: Trennungsversuch erst am vierten Tag, Ausdehnung nur, wenn das Kind sich beruhigen lässt.
- Beobachten Sie Rückzug, Erstarrung und zielloses Umherwandern als mögliche Überforderungssignale und sprechen Sie das im Team an, bevor die Eingewöhnung als beendet gilt.
- Stellen Sie Übergangsobjekte, gleiche Räume und einen stabilen Tagesablauf sicher; Reizfülle in den ersten Tagen begrenzen.
Für Kita-Leitungen
- Verankern Sie Eingewöhnungszeiten und eine zweite Begleitkraft im Dienstplan und prüfen Sie die Aufnahmeplanung mit Blick auf freie Personalzeit.
- Legen Sie in der Konzeption fest, welches Modell gilt, wie die Eltern vorab informiert werden (inklusive der Bitte um zwei bis vier Wochen Zeit) und wer die Eingewöhnung dokumentiert.
- Klären Sie bei der Anmeldung, dass Betreuung nicht am ersten Arbeitstag der Eltern beginnen kann, und verweisen Sie auf die Rechtslage des eigenen Bundeslandes.
Häufige Fragen
Wie läuft das Berliner Eingewöhnungsmodell ab? In festen Stufen: frühzeitige Information der Eltern, dreitägige Grundphase mit einem Elternteil als „sicherem Hafen“, erster Trennungsversuch am vierten Tag, Stabilisierungsphase und Schlussphase.
Worin unterscheidet sich das Münchener Modell? Es ist systemisch-konstruktivistisch: Kind, Familie und die aufnehmende Kindergruppe gestalten den Übergang aktiv mit. Es geht auf Kuno Beller zurück und wurde 2021 mit „Münchener Modell Reloaded“ weiterentwickelt.
Was ist die Eingewöhnung in der Peer (Tübinger Modell)? Mehrere neue Kinder werden gemeinsam aufgenommen, begleitet von mindestens zwei Eingewöhnungsfachkräften. Peers gelten dabei als eigene Ressource.
Quellen & Referenzen
- MBJS Brandenburg, Übergang: Eingewöhnung (Bildungsplan, § 6 Satz 2 KitaG): https://mbjs-fachportal.brandenburg.de/kindertagesbetreuung/kita-paedagogik/uebergang-eingewoehnung.html
- MBJS Brandenburg, Rechtsanspruch und Anmeldung (Hinweise zur Eingewöhnung): https://mbjs.brandenburg.de/kinder-und-jugend/kindertagesbetreuung/rechtsanspruch-und-anmeldung.html
- Kindertagesstättengesetz Brandenburg (KitaG), Gesamtausgabe: https://bravors.brandenburg.de/gesetze/kitag
- nifbe, Berliner Eingewöhnungsmodell (Kita-Fachtext Braukhane/Knobeloch): https://nifbe.de/fachbeitraege/berliner-eingewoehnungsmodell/
- nifbe, Münchener Modell Reloaded (Evanschitzky/Zöller): https://nifbe.de/fachbeitraege/muenchener-modell-reloaded/
- nifbe, Die Eingewöhnung in der Peer – Das Tübinger Modell (Fink): https://nifbe.de/fachbeitraege/kita-fachtext-die-eingewoehnung-in-der-peer-das-tuebinger-modell/
- Kita-Fachtexte, Die Eingewöhnung in der Peer – Das Tübinger Modell (PDF): https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/220327_KitaFachtexte_Fink_02.pdf
- socialnet Lexikon, Münchener Eingewöhnungsmodell (Anna Winner): https://www.socialnet.de/lexikon/Muenchener-Eingewoehnungsmodell
- erzieherin.de, Eingewöhnung: Modelle und Rahmenbedingungen: https://www.erzieherin.de/eingewoehnung-modelle-und-rahmenbedingungen.html
- Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme, Personalschlüssel (Bertelsmann Stiftung): https://www.laendermonitor.de/de/vergleich-bundeslaender-daten/personal-und-einrichtungen/personalschluessel/personalschluessel-ohne-leitungszeit-1
- Ahnert et al. (2022), Stress during transition from home to public childcare (PDF): https://lieselotte-ahnert.de/files/16/ahnert-et-al-2022-applied-developmental.pdf
- IFP Familienhandbuch, Auf das WIE kommt es an: https://www.familienhandbuch.de/kita/krippe/unter3/aufdaswiekommtesan.php
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