
Plattdeutsch in der Kita: Mecklenburg-Vorpommern stockt Förderung für Niederdeutsch-Kitas auf
M-V erhöht die Förderung für Niederdeutsch-Kitas von 15.000 auf 21.000 Euro: bis zu 14 Einrichtungen, 1.500 Euro Pauschale, Laufzeit bis Ende 2027.
Aktuelle Entwicklung & wissenschaftlicher/fachlicher Hintergrund
Mecklenburg-Vorpommern erhöht zum 1. Oktober 2026 die Mittel für das Modellprojekt „Niederdeutsch-Kitas in M-V“. Nach Rundbrief Nr. 6/2026 des Ministeriums für Bildung und Kindertagesförderung steigt das jährliche Fördervolumen von 15.000 auf 21.000 Euro. Damit können künftig bis zu 14 Kindertageseinrichtungen oder Kindertagespflegepersonen pro Jahr gefördert werden – bisher waren es zehn. Die Pauschale bleibt bei 1.500 Euro je Einrichtung. Rechtsgrundlage ist § 26 Absatz 6 Nummer 3 des Kindertagesförderungsgesetzes M-V in Verbindung mit §§ 23, 44 LHO M-V; die neuen Fördergrundsätze gelten vom 1. Oktober 2026 bis zum 31. Dezember 2027.
Gefördert werden Vorhaben, die Kindern die niederdeutsche Sprache spielerisch und alltagsnah näherbringen: interaktive Sprachspiele, Geschichten und Lieder, Ausflüge zu Orten, „wo Plattsprechende anzutreffen sind“ – Heimatstuben, Museen, KinderUni, Zoo, Bauernhöfe, Kirchen –, Besuche des plattdeutschen Puppentheaters oder der Fritz-Reuter-Bühne, Materialien wie Kindertelefone, Memory und Fingerpuppen sowie die Zusammenarbeit mit externen Plattsprechenden. Voraussetzung ist eine Betriebserlaubnis nach § 45 SGB VIII, und die Maßnahmen dürfen nicht über die Vereinbarungen nach § 24 KiföG M-V refinanziert werden – finanziert wird also ausdrücklich Zusätzliches, nicht das Regelangebot. Bewilligungsbehörde ist das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGuS), der Verwendungsnachweis ist als Sachbericht innerhalb von sechs Monaten nach Ablauf des Bewilligungszeitraums vorzulegen.
Fachlich schließt das an eine bereits belegte Linie an: Translanguaging in der Kita beschreibt, wie Kinder ihre gesamten sprachlichen Ressourcen nutzen – regionale Varietäten gehören dazu. Niederdeutsch ist dabei kein Folkore-Thema, sondern die Sprache, die Deutschland über die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen als Regionalsprache schützt. In Mecklenburg-Vorpommern hat die Pflege Verfassungsrang: „Das Land schützt und fördert die Pflege der niederdeutschen Sprache“, heißt es in Artikel 16 Absatz 2 der Landesverfassung von 1993. Eingebettet sind die Niederdeutsch-Kitas in die durchgängige Sprachbildungsstrategie des Landes – zu ihr gehört auch „Lesereise MV“, für die das Ministerium 350.000 Euro von April 2024 bis März 2027 bereitstellt und über die seit April 2026 alle vier- bis fünfjährigen Kita-Kinder ein Geschichtenbuch erhalten.
Einordnung: Was bedeutet das für Kitas?
Die Aufstockung ist ein Signal, aber kein Strukturprogramm. 14 von landesweit 1.123 Kindertageseinrichtungen – zum Stichtag 1. März 2026 wurden in Mecklenburg-Vorpommern 109.148 Kinder in Kitas und weitere 1.448 in Kindertagespflege betreut – erreichen rechnerisch rund 1,2 Prozent der Einrichtungen. Zum Vergleich: Für Sprachfachberatung stellt das Saarland bis zu 1,33 Millionen Euro bereit. 1.500 Euro sind ein Material- und Projektbudget für ein Jahr, keine Personalressource – die Wirkung hängt deshalb fast vollständig daran, ob ein Team das Thema dauerhaft in seinen Alltag einwebt. Hintergrund zur Sprachbildung im Land bündelt die Länderseite Mecklenburg-Vorpommern, methodische Grundlagen die Themenseite Sprachbildung & Mehrsprachigkeit.
Ein praktischer Stolperstein: Die Förderübersicht des LAGuS nennt weiterhin „maximal 10 Kindertageseinrichtungen“ mit 1.500 Euro Pauschale und weist darauf hin, dass die geförderten Einrichtungen für das Haushaltsjahr 2026 feststehen und weitere Anträge für 2026 nicht mehr berücksichtigt werden können. Wer die zusätzlichen Plätze nutzen will, sollte vor dem Antrag klären, für welches Haushaltsjahr die Aufstockung greift. Offen bleibt zudem, ob das Modellprojekt nach 2027 verstetigt wird – angesichts der Prognose, dass die Zahl der Kita-Kinder in M-V bis 2035 um rund 29 Prozent auf etwa 78.500 sinken könnte, ist die Frage nach dauerhafter statt projektförmiger Sprachbildung ohnehin die drängendere.
Sprachwissenschaftlich spricht nichts gegen den Ansatz: Niederdeutsch ist mit Hochdeutsch und Englisch verwandt, und „Plattdeutsch neben Hochdeutsch sprechen zu können, ist eine bildungsrelevante Kompetenz“ (Universität Oldenburg). Für mehrsprachig aufwachsende Kinder ist die Regionalsprache eine weitere Varietät, die Sprachbewusstheit fördert – vorausgesetzt, sie wird wertschätzend eingeführt und nicht als Korrektiv des „richtigen“ Deutsch.
Praxistransfer & Handlungsimpulse
Für Sprachförderkräfte
- Verankern Sie Niederdeutsch als Ritual statt als Projekt: ein Lied, ein Wochenreim, ein wiederkehrender Erzählanlass. Dokumentieren Sie, wie die Kinder reagieren – diese Beobachtungen sind Ihr Argument für die Verstetigung.
- Beziehen Sie alle Familiensprachen ein: Sammeln Sie Wörter zum selben Thema in Deutsch, Platt, Arabisch oder Ukrainisch und machen Sie den Sprachvergleich sichtbar. Das entspricht dem Prinzip der mehrsprachigen Elternarbeit mit Rucksack KiTa.
Für pädagogische Fachkräfte im Gruppenalltag
- Nutzen Sie die konkret förderfähigen Formate: Memory, Fingerpuppen, Kindertelefon, Rollenspiel; Ausflüge zu Bauernhöfen, Heimatstuben oder Kirchen, in denen Plattsprechende anzutreffen sind.
- Holen Sie Plattsprechende ins Haus. Externe Sprecherinnen und Sprecher, Puppentheater und Vorlesegroßeltern entlasten Teams, die die Sprache selbst nicht beherrschen.
Für Kita-Leitungen
- Prüfen Sie Antragsvoraussetzungen und Finanzierungsweg: Betriebserlaubnis, Abgrenzung zu den Vereinbarungen nach § 24 KiföG M-V, Bewilligung über das LAGuS. Klären Sie vorab schriftlich, für welches Haushaltsjahr zusätzliche Plätze zur Verfügung stehen.
- Hängen Sie das Vorhaben an die Sprachbildungskonzeption statt an eine Einzelaktion und planen Sie Sachbericht und Verwendungsnachweis (sechs Monate nach Ablauf) von Beginn an mit.
- Prüfen Sie Synergien mit „Lesereise MV“ (Fortbildungen, Elternworkshops, Bibliothekskooperation). Wie schnell Sprachförderprogramme enden, zeigt der Fall der hessischen Sprach-Kitas: Dort läuft das Landesprogramm zum 31. Dezember 2026 aus.
Häufige Fragen
Wie viel Geld erhält eine einzelne Kita? 1.500 Euro pauschal je Kindertageseinrichtung oder Kindertagespflegeperson. Das jährliche Fördervolumen von 21.000 Euro reicht rechnerisch für bis zu 14 geförderte Einrichtungen.
Wo wird die Förderung beantragt? Antragsunterlagen (Antrag, Vorhabenbeschreibung, Verwendungsnachweis) stellt das LAGuS bereit; über die Vergabe entscheidet die Behörde nach Eingang bewilligungsreifer Anträge. Für 2026 sind laut Förderübersicht keine weiteren Anträge mehr möglich, für 2027 dagegen schon.
Muss das Kita-Team selbst Plattdeutsch sprechen? Nein. Förderfähig sind auch Materialien, Lernorte und die Zusammenarbeit mit externen Plattsprechenden – Wege, die kein eigenes Sprachvermögen im Team voraussetzen.
Quellen & Referenzen
- Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung M-V: Rundbrief Nr. 6/2026 vom 01.10.2026 – Erhöhung der Förderung im Modellprojekt „Niederdeutsch-Kitas in M-V“: https://rathaus.rostock.de/sixcms/media.php/rostock_01.a.4984.de/datei/Rundbrief_6_2026_Erh%C3%B6hung_der_F%C3%B6rderung_Niederdeutsch-Kitas%20%20%20F%C3%B6rdergrunds%C3%A4tze.pdf
- Fördergrundsätze „Niederdeutsch-Kitas in M-V“ (Anlage zum Rundbrief): Rechtsgrundlage, Zuwendungszweck, Gegenstand, Höhe, Geltungszeitraum 01.10.2026–31.12.2027
- Landesamt für Gesundheit und Soziales M-V: Förderungen des Landes, Antragsunterlagen Niederdeutsch-Kitas (Hinweis auf die feststehenden Bewilligungen 2026): https://www.lagus.mv-regierung.de/Foerderungen/MV/
- Verfassung des Landes Mecklenburg-Vorpommern vom 23. Mai 1993, Artikel 16 Absatz 2 (Landtag M-V, PDF): https://www.landtag-mv.de/fileadmin/Publikationen/Publikationen_Archiv/IH_Rechtsgrundlagen_2022_Landesverfassung.pdf
- Niedersächsisches Kultusministerium: Niederdeutsch und Saterfriesisch in der Schule – rechtlicher Status nach der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen: https://www.mk.niedersachsen.de/startseite/schule/schulerinnen_und_schuler_eltern/plattdeutsch_und_saterfriesisch_in_der_schule/niederdeutsch-und-saterfriesisch-in-der-schule-150271.html
- Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung M-V: Pressemitteilung „Lesereise MV“ (350.000 Euro, 01.04.2024–31.03.2027): https://www.regierung-mv.de/Landesregierung/bm/Presse/Aktuelle-Pressemitteilungen?id=217244
- NDR: „Fast 30 Prozent weniger Kita-Kinder in MV bis 2035“ (Stand 18.08.2026; 109.148 Kinder in 1.123 Kitas zum 1. März 2026): https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/fast-30-prozent-weniger-kita-kinder-in-mv-bis-2035,kita-548.html
- Universität Oldenburg, Institut für Germanistik: „Niederdeutsch oder Plattdeutsch?“ (Stand 07.05.2026): https://uol.de/germanistik/niederdeutsch/niederdeutsch-oder-plattdeutsch
- Themenseite Sprachbildung & Mehrsprachigkeit: https://connect-social.de/thema/sprache/
- Länderseite Mecklenburg-Vorpommern: https://connect-social.de/land/mecklenburg-vorpommern/
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