
Teilhabe aus mehreren Perspektiven: Neue Studie untersucht Partizipation von Kindern mit Entwicklungsbeeinträchtigungen in inklusiven Kitas
Eine Studie mit 72 Kindern vergleicht Eltern-, Fachkräfte- und Beobachtungsperspektive. Unterschiede zeigen sich vor allem beim Kontakt zu Gleichaltrigen.
Aktuelle Entwicklung & wissenschaftlicher/fachlicher Hintergrund
Auf dem Forschungsblog „Diverse Kindheiten“ hat Janina Dott am 4. September 2026 ein abgeschlossenes Projekt vorgestellt, das die Teilhabe von Kindern in inklusiven Kitas nicht aus einer, sondern aus drei Perspektiven vermisst: Eltern, pädagogische Fachkräfte und systematische Beobachtung. Beteiligt waren 72 Kinder zwischen drei und sechs Jahren (34 mit, 38 ohne Entwicklungsbeeinträchtigung), ihre Eltern sowie 28 Fachkräfte aus 14 Kitas in Niedersachsen. Die meisten Beeinträchtigungen lagen im sprachlich-kommunikativen und/oder sozial-emotionalen Bereich – also genau in den Feldern, die sprachpädagogische Arbeit täglich berühren.
Methodisch kombiniert das Projekt zwei Zugänge. Mit der deutschsprachigen Version des Eltern- und Fachkräftefragebogens YC-PEM (Young Children's Participation and Environment Measure) wurde eingeschätzt, wie häufig Kinder an drei Aktivitätsarten des Kita-Alltags teilnehmen – Lernen in Gruppen (Morgenkreis, Vorlesen), Zusammensein mit anderen Kindern (Spielen drinnen und draußen), Ausflüge und Veranstaltungen –, wie engagiert sie dabei sind, ob Veränderungsbedarf gesehen wird und welche Umweltfaktoren als Barriere oder Ressource gelten. Ergänzend wurden 25 Kinder mit Entwicklungsbeeinträchtigung an zwei Tagen mit dem Beobachtungsverfahren ICER-R in Freispiel, Morgenkreis und Essenssituation beobachtet; kodiert wurden Engagiertheit (aktiv/passiv, engagiert/nicht engagiert) und Interaktionsverhalten mit Peers oder Erwachsenen (Dott & Licandro 2026).
Die Befunde sind differenziert: Insgesamt schätzten Eltern und Fachkräfte die Partizipation aller Kinder als relativ hoch ein – auf übergeordneter Ebene zeigten sich keine Unterschiede zwischen Kindern mit und ohne Beeinträchtigung. Unterschiede traten dort auf, wo es um Peers geht: Eltern von Kindern mit Entwicklungsbeeinträchtigung wünschten sich häufiger eine Veränderung der Teilhabe im Zusammensein mit anderen Kindern, und Fachkräfte bewerteten die Engagiertheit dieser Kinder in dieser Aktivität geringer. Vier Umweltfaktoren wurden für Kinder mit Beeinträchtigung häufiger als Barriere wahrgenommen: kognitive Anforderungen (Aufmerksamkeit, Buchstaben und Zahlen), sensorische Bedingungen (Geräusche, Lärm), Beziehungen zu Gleichaltrigen (Freundschaften, Akzeptanz) und körperliche Anforderungen. Für die Gesamtgruppe galten sozial-kommunikative Anforderungen als häufigste Hürde, etwa Konflikte lösen. Auffällig: Eltern nannten vor allem fehlende Informationen und bürokratische Hürden als Barrieren, Fachkräfte dagegen situative Anforderungen. Der Blogbeitrag schließt daraus nicht, wer „richtig“ schätzt, sondern plädiert für das Kombinieren der Perspektiven – und verweist auf den Bildungsbericht 2026, nach dem ein Viertel der Kinder mit Beeinträchtigung weiterhin Einrichtungen mit mittlerem bis geringem Inklusionsgrad besucht.
Praxistransfer & Handlungsimpulse
Für Sprachförderkräfte
- Peer-Situationen sind Sprachlernsituationen: Kinder mit Sprachförderbedarf brauchen unterstützte Zugänge zu gemeinsamen Spielsituationen. Konkrete Strategie: Interaktionsroutinen (Partnerrituale, Rollenwechsel, gemeinsam genutzte Spielmaterialien) gezielt planen, statt auf „die Kinder regeln das selbst“ zu vertrauen.
- Responsiv statt dominant sprechen: kürzere eigene Turns, Wartezeit lassen, kindliche Äußerungen aufgreifen und erweitern – die Auswertung zeigt, dass gerade Kinder mit Beeinträchtigung in Gruppenformaten weniger Redeanteile haben können.
Für pädagogische Fachkräfte im Gruppenalltag
- Lärm und visuelle Reize als Teilhabebarrieren ernst nehmen: ruhigere Zonen, Kopfhörer, visuelle Tagespläne und ein separater Essensplatz sind kleine, wirksame Stellschrauben.
- Aktivitäten als Beobachtungsanlässe nutzen: dasselbe Kind in Freispiel, Morgenkreis und Essen beobachten – die Unterschiede zwischen den Situationen sind oft größer als zwischen Kindern.
- Beobachtungen mit Eltern besprechen: Eltern kennen Situationen, die im Kita-Alltag unsichtbar bleiben; ihr Blick ergänzt die Fachperspektive, statt sie zu ersetzen.
Für Kita-Leitungen
- Multiperspektivische Befragung in das Qualitätsmanagement aufnehmen: YC-PEM lässt sich in Entwicklungsgespräche und Konzeptionstage integrieren, ohne ein neues Verfahren einzuführen.
- Zeit für strukturierte Beobachtung sichern (Beobachtungsfenster im Dienstplan), damit Teilhabe nicht nur anlassbezogen dokumentiert wird.
- Übergänge und Gruppensettings überprüfen: Wenn Kinder mit Beeinträchtigung überproportional in Settings mit mittlerem oder geringem Inklusionsgrad betreut werden, ist das eine Struktur-, keine Kindfrage.
Häufige Fragen
Wer wurde in der Studie untersucht? 72 Kinder zwischen drei und sechs Jahren (34 mit, 38 ohne Entwicklungsbeeinträchtigung), ihre Eltern sowie 28 Fachkräfte aus 14 Kitas in Niedersachsen.
Wie wurde die Teilhabe gemessen? Mit der deutschsprachigen Version des Fragebogens YC-PEM für Eltern und Fachkräfte sowie mit systematischer Beobachtung.
Was sind die zentralen Befunde? Eltern und Fachkräfte schätzten die Partizipation aller Kinder insgesamt relativ hoch ein. Unterschiede zeigten sich beim Zusammensein mit anderen Kindern.
Quellen & Referenzen
- Diverse Kindheiten (Forschungsblog): Janina Dott, „Partizipation für alle durch viele Perspektiven: Die Teilhabe von Kindern mit Entwicklungsbeeinträchtigungen in inklusiven Kitas erfassen“ (4. September 2026). diversekindheiten.de
- Frontiers in Pediatrics (2024): „Translation and cross-cultural adaptation of the Young Children Participation and Environment Measure (YC-PEM) for its use in Austria, Germany and Switzerland“. frontiersin.org
- Bildungsberichterstattung: „Bildung in Deutschland 2026“ – indikatorengestützter Bericht mit Analyse zu Bildungsungleichheiten nach sozialer Herkunft. bildungsbericht.de
- Literatur: Dott, J. & Licandro, U. (2026): Partizipation in Aktion. Beobachtungsinstrumente zur Partizipation von Kindern mit Entwicklungsbeeinträchtigungen im inklusiven Kita-Alltag; Dott, J. (2026): Engagement and interaction patterns of children with disabilities in inclusive early childhood education and care.
Dieser Beitrag wurde mit KI-Unterstützung recherchiert und aus den genannten Quellen zusammengestellt. Maßgeblich sind die verlinkten Originalquellen. Hinweise oder Korrekturen an admin@connect-social.de.