
Beobachten statt testen: Warum die neue Paritätische Expertise Sprachdiagnostik in der Kita neu ordnet
Eine Expertise von Paritätischem und Volkssolidarität ordnet die Diagnostik neu: In NRW sind 44 Verfahren im Einsatz, wirksam ist Beobachtung im Alltag.
Aktuelle Entwicklung & wissenschaftlicher/fachlicher Hintergrund
Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband hat im Januar 2026 gemeinsam mit der Volkssolidarität die Expertise „Erfassung und Förderung der sprachlichen Entwicklung im Kontext der Kindertagesbetreuung“ veröffentlicht. Autor*innen sind u. a. Timm Albers (Uni Paderborn), Peter Cloos (Uni Hildesheim), Christian Glück (Uni Leipzig/LakoS Sachsen), Claudia A. Hruška (Alice Salomon Hochschule), Wiebke Scharff Rethfeldt (Hochschule Bremen) und Sophie Koch. Der Text liest sich nicht als neue Methode, sondern als Ordnung des Bestehenden – und er sagt nüchtern, was nicht funktioniert.
Zwei Befunde stechen heraus. Erstens die Menge der Instrumente: Die BeDo-Studie NRW zeigt exemplarisch, dass in Nordrhein-Westfalen 44 verschiedene Verfahren zur Beobachtung und Dokumentation kindlicher Entwicklungs- und Bildungsprozesse in Kitas im Einsatz sind – im Durchschnitt kommen in einer Einrichtung rund vier Verfahren gleichzeitig zum Einsatz, ohne systematisch aufeinander Bezug zu nehmen. Zweitens die Bewertung von Screenings: Sprachentwicklungstests wie SETK 3-5 sind dem Kita-Alltag in der Regel nicht angemessen; Kurzscreenings liefern nur eine Momentaufnahme, sind anfällig für falsch-positive Ergebnisse und erlauben kaum Ableitungen für gezielte Förderung. Besonders problematisch: Viele Verfahren beruhen auf einsprachigen Altersnormen. Typische Merkmale des Zweitspracherwerbs werden dann fälschlich als Störung, Verzögerung oder erhöhter Förderbedarf gelesen.
Als wirksames Instrument gilt dagegen die systematische, prozessorientierte Beobachtung im Alltag – freie Beobachtung, Bildungs- und Lerngeschichten sowie standardisierte Verfahren wie BaSiK, Seldak oder Sismik. Alltagsintegrierte Sprachbildung ist nach Studienlage die wirksamste Strategie; die nach dem „PISA-Schock“ eingeführten additiven Förderprogramme mit festen Abläufen konnten in Studien überwiegend keine nachhaltigen Effekte auf Sprach- oder Schriftsprachkompetenzen belegen. Die Expertise fordert daher: Funktionsstellen für qualifizierte Sprachfachkräfte, flächendeckende Fachberatung, mehrsprachige Vielfalt als Ressource, rechtliche Erleichterungen für logopädische Therapie in Kitas sowie die Verankerung von Sprachbildungsmethoden in Aus- und Weiterbildung.
Praxistransfer & Handlungsimpulse
Für Sprachförderkräfte
- Beobachtungen so dokumentieren, dass daraus unmittelbar Handlungsideen entstehen: Notiz – „Was hat das Kind getan/gesagt?“ – geplanter nächster sprachlicher Impuls. Eine Beobachtung ohne Konsequenz ist Aufwand ohne Nutzen.
- Den Standardisierungsgrad bewusst wählen: Seldak/Sismik oder BaSiK als strukturierte Basis, Lerngeschichten für Entwicklungsverläufe – aber nicht parallel vier Verfahren pflegen.
Für pädagogische Fachkräfte im Gruppenalltag
- Merkmale des Zweitspracherwerbs (Verbstellung, Genusfehler, Code-Mixing) von Auffälligkeiten unterscheiden und in der Teamsprache trennscharf benennen: Spracherwerb ≠ Sprachstörung.
- Handlungsbegleitendes Sprechen, Modellierung und Expansionstechniken regelmäßig nutzen und im Team alle zwei Wochen eine Situation exemplarisch besprechen (Videointeraktionsanalyse, kollegiale Fallberatung).
Für Kita-Leitungen
- Verfahrensinventur anlegen: Welche Instrumente sind im Haus in Gebrauch, wer wendet sie an, welche vier messen eigentlich dasselbe? Das Ergebnis ist ein Qualitätsnachweis gegenüber dem Träger.
- Qualifizierung sichern: Verfahren nur durch dafür geschulte Fachkräfte einsetzen, Zeitfenster im Personalschlüssel verankern und Fachberatung sowie Logopädie- und Kinderarztpraxen als feste Kooperationswege (nicht als Einzelfallkontakt) etablieren.
Häufige Fragen
Was kritisiert die Paritätische Expertise an der Sprachdiagnostik? Die BeDo-Studie NRW zeigt 44 verschiedene Verfahren im Einsatz, durchschnittlich rund vier gleichzeitig pro Einrichtung, ohne systematischen Bezug. Kurzscreenings liefern nur eine Momentaufnahme und sind anfällig für falsch-positive Ergebnisse.
Welche Instrumente gelten als wirksam? Die systematische, prozessorientierte Beobachtung im Alltag, etwa freie Beobachtung, Bildungs- und Lerngeschichten sowie Verfahren wie BaSiK, Seldak oder Sismik.
Wer hat die Expertise veröffentlicht? Der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband gemeinsam mit der Volkssolidarität im Januar 2026.
Quellen & Referenzen
- Der Paritätische Gesamtverband / Volkssolidarität (Januar 2026): Erfassung und Förderung der sprachlichen Entwicklung im Kontext der Kindertagesbetreuung. Handlungsempfehlungen aus interdisziplinärer Sicht. https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/doc/broschuere_A4_expertise_Sprachliche-Bildung-2026_web.pdf
- Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband: https://www.der-paritaetische.de
- Landeskompetenzzentrum zur Sprachförderung an Kindertageseinrichtungen in Sachsen (LakoS): https://www.lakossachsen.de
- Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung: https://mercator-institut.uni-koeln.de
Dieser Beitrag wurde mit KI-Unterstützung recherchiert und aus den genannten Quellen zusammengestellt. Maßgeblich sind die verlinkten Originalquellen. Hinweise oder Korrekturen an admin@connect-social.de.